Seit Max O. Me­nos den­ken und sich er­in­nern kann, schreibt er Kür­zest-, Kurz- und auch län­ge­re Ge­schich­ten. Im Mo­ment ent­steht ge­ra­de der Ro­man »Ya­mu­na und der Mann aus Ka’Ar­ratt«; der ist na­tür­lich noch ge­heim! Zum Trost aber hier ei­ne klei­ne Aus­wahl äl­te­rer Tex­te:
 
Einfache Fahrt
Rüdiger will nicht auf Platte
Der Nilhecht
Sanft garen
Lavendelduft
Die Konkubine des Grafen
Sternenkrieger, Version 1
Sternenkrieger, Version 2
Winter auf K27LG

 
 
 

Einfache Fahrt

Steppenvegetation in der Walachei
 

»Ein­mal Wa­la­chei, ein­fa­che Fahrt, bit­te.«
Gre­gor Vo­gel, 43, bis eben Ge­schäfts­füh­rer ei­ner Agen­tur an der Al­ster, täg­li­cher Blick auf Seg­ler in­klu­si­ve. Le­ider den Busi­ness­plan ver­gurkt, da­zu ein in­sol­ven­ter Auf­trag­ge­ber, so kann’s ge­hen.

 

»Walachei?«
Iri­na Ge­bau­er, 28, Ser­vice-Mit­ar­bei­ter­in der Bahn, aber eher zu­fäl­lig. Im Her­zen Künst­ler­in, Bild­hau­er­in, um ge­nau zu sein. Frü­her Bau­wa­gen­be­woh­ner­in, in­zwi­schen Holz­fuß­bo­den in Ot­ten­sen. »Im Dorf«, wie die Ot­ten­ser völ­lig zu Recht sa­gen.

 

»Ru­mä­ni­sche oder mäh­ri­sche Wa­la­chei?«
Gre­gors was­ser­blau­e Au­gen neh­men un­ver­mit­telt Kon­takt auf. Der dunk­le Ring um die Iris macht sei­nen Blick un­ge­wöhn­lich in­ten­siv, das könn­te ste­chend wir­ken. Tut’s aber nicht bei ihm, stellt sie selt­sam be­rührt fest.

 

»Was?«
»Ru­mä­nien oder Mäh­ren? Es gibt zwei Ge­gen­den, die ›Wa­la­chei‹ ge­nannt wer­den. Ei­ne in Ru­mä­ni­en, ei­ne in Mäh­ren. Ha­ben Sie ei­nen Orts­na­men?«  
»Man scheint al­ler­hand zu ler­nen in der Aus­bil­dung zur Ser­vice-Mit­ar­bei­ter­in! Viel­leicht wis­sen Sie auch, in wel­chem Land man ›Xho­sa‹ spricht?«
»Das ist ein­fach: In Süd­af­ri­ka.«

 

Gre­gor spürt et­was. Lan­ge nicht mehr ge­habt, das Ge­fühl. Im­mer war der näch­ste Auf­trag das Wich­tig­ste ge­we­sen. Im­mer ha­ben ihn al­le an­ge­guckt beim Mon­tags­mee­ting, woll­ten von ihm hö­ren, dass ihr Job auch näch­ste Wo­che noch exi­stiert, dass sie noch ge­braucht wer­den, dass der Cash­flow ge­si­chert ist. Manch­mal in letz­ter Zeit, da muss­te er Din­ge schon mit der Rohr­zan­ge ver­bie­gen, da­mit sie sich noch gut an­hör­ten. Und dann abends ein­schla­fen, das war oft schwie­rig. Ein Glas Wein all­ein da­heim half da, an­fangs. Spä­ter zwei, drei. Die letz­ten Mo­na­te war’s ei­gent­lich im­mer ei­ne Fla­sche. Da spürt der Mensch dann auch nicht mehr viel. Aber jetzt. Jetzt spürt er was. Ei­ne Leich­tig­keit, wie eine Sau­er­stoff­du­sche von in­nen. Ob das an ihrer Stim­me liegt, tief und weich, un­ei­lig, aber trotz­dem nicht ver­schla­fen, son­dern hell­wach? Oder an ih­ren Au­gen, fla­schen­grün mit klei­nen, grau­brau­nen Spreng­seln, glän­zend wie po­liert, wie ge­heim­nis­vol­le Som­mer­mur­meln? Mur­mel­au­gen, die ihn jetzt ganz ge­ra­de an­se­hen, nicht her­aus­for­dernd, nicht auf­dring­lich, nichts wol­lend, aber neu­gie­rig, amü­siert, ge­spannt auf ei­ne Ant­wort, und for­schend.

 

»Geht’s da auch noch mal wei­ter?« grunzt von hin­ten ein Dicker, wie im schön­sten Bil­der­buch mit kom­plet­tem Kli­schee­pa­ket be­packt: Schweiß­per­len auf der Stirn, rot­ge­sich­tig, dick­lip­pig und schwer at­mend.
»Mo­ment bitte«, sagt sie. »Wenn Sie es ei­lig ha­ben, emp­feh­le ich Ih­nen den Ex­press­schal­ter, da drüben. Steht nie­mand, se­hen Sie?«
Gre­gor lä­chelt. Heu­te mor­gen noch hät­te er ge­grinst, schief und et­was her­ab­las­send und si­cher­lich zy­nisch. Wie im­mer im letz­ten Jahr, in den letz­ten Jah­ren. Aber jetzt — er wun­dert sich, dass er in­nen mer­ken kann, wie an­ders sich ein Lä­cheln an­fühlt im Ver­gleich zum Grin­sen.

 
Barbu Dimitrie Ştirbei, 1834

»Wa­ren Sie schon in Süd­af­ri­ka?« fragt Gre­gor mit sei­nem neu­en Lä­cheln.
»Nein, und auch nicht in der Wa­la­chei, we­der der ei­nen, noch der an­de­ren. Mein Groß­va­ter hieß Bar­bu, und ei­nes Ta­ges hab ich mich ge­fragt, wo­her der Na­me wohl kommt. Da­bei bin ich auf Bar­bu Ştir­bei ge­sto­ßen, vor­letz­ter Herr­scher der ru­mä­ni­schen Wa­la­chei vor der Ver­ei­ni­gung mit der Mol­dau, 1859.«
 
»Ist es schön dort? Al­so, in der Wa­la­chei?«
»Es ist vor al­lem an­ders, glau­be ich.«
»An­ders ist gut.«
»Ja, an­ders ist gut.«
 
An­ders als han­se­a­ti­sche Hoch­nä­sig­keit im Ham­bur­ger Dorf, an­ders als Ot­ten­ser Par­kett oh­ne Be­su­cher­be­an­spru­chung, weil al­le Freun­de im­mer su­per­bu­sy sind und man sich lie­ber in Knei­pen trifft, als mal je­man­den zu­hau­se zu be­su­chen, weil, in der Knei­pe ist man im­mer ir­gend­wie auf dem Sprung und hat nicht die­ses be­un­ruhi­gen­de Ge­fühl, was zu ver­pas­sen. An­ders auch als Rolf, der Iri­na im­mer wie­der sag­te, dass er sie liebt, ihr aber nie das Ge­fühl ge­ben konn­te, dass das auch stimmt. Weil er dann sei­ne Di­stanz­ver­sie­ge­lung hät­te auf­bre­chen müs­sen, und das hät­te ihn ja ver­letz­lich ge­macht. Das kann sich ein Mann in sei­ner Po­si­tion nicht lei­sten. »Du weißt doch, wie das heut­zu­ta­ge läuft, Schatz.« Ein Schatz, das ist et­was Wert­vol­les, etwas, wo­für der Mensch et­was an­de­res ris­kiert, et­was so­gar, wo­für der Mensch manch an­de­res auf­gibt. Rolf woll­te nicht auf­ge­ben, Rolf woll­te käm­pfen, sich durch­bei­ßen, Kar­rie­re ma­chen, um dann, ir­gend­wann, ei­nes Ta­ges ... Iri­na woll­te nicht ei­nes Ta­ges, Iri­na woll­te jetzt.

 

Gre­gors Blick, und das ist jetzt mal nicht nur so da­her­ge­sagt, ruht auf ihr. Ruht sich aus, lässt das Wim­meln rund­her­um ge­rin­nen, lässt die Stim­men ver­stum­men und das Han­dy­quen­geln ver­eb­ben. Iri­na schaut zu­rück, und er lässt zu, dass sie hin­ein­schaut, wie sie zu­lässt, dass er in sie hin­ein­schaut, und was sie se­hen, bei­de, das ist son­nig, warm, kraft­voll, das riecht nach Wach­hol­der, Thy­mi­an, schmeckt nach Salz­luft, streicht über die Haut wie ein Atem, strei­chelt die See­le wie ei­ne Mut­ter­hand, kit­zelt die Ner­ven wie Weih­nachts­auf­re­gung und ist so un­end­lich be­ruhi­gend wie ein Adler­flug, ei­ne Ge­wiss­heit, ein­e Si­cher­heit, ein Ja.

 

»Zwei­mal Bu­ka­rest, ein­fa­che Fahrt«, sagt er.
»Zwei­mal?«
»Ja. Ich dach­te, viel­leicht ha­ben Sie Lust mit­zu­kom­men.«
»War­ten Sie ... ei­nen Mo­ment ... 18 Uhr 57, wä­re Ih­nen das recht? Ich wür­de ger­ne am Fen­ster sit­zen.«

 
© 2009 Max O. Menos, Bilder:  Wikipedia (gemeinfrei/public domain)

Rüdiger will nicht auf Platte
 
»Nein! Nein! Nein!« Rü­di­ger stampft mit dem Fuß auf den Ra­sen, dass das Gras in al­le Rich­tun­gen stiebt. »In einen Plat­ten­bau zieh’ ich nicht! Kei­ner von mei­nen Freun­den wohnt in einem Plat­ten­bau!«
 
Ma­ma ver­sucht es mit der Über­ra­schungs­taktik: »Kei­ner dei­ner Freun­de hat ro­te Haa­re, brau­ne Au­gen und blon­de Wim­pern!« Aber Rü­di­ger ist nicht nur neun, son­dern auch neun­mal­klug: »Das ist Ge­ne­tik. Da­ge­gen kann man nichts ma­chen. Aber ge­gen ei­nen Plat­ten­bau kann man was ma­chen«, gur­gelt er.
 
Das Gur­geln kommt vom be­gin­nen­den Heu­len, und wenn Men­schen von der Grö­ße und dem Tem­pe­ra­ment ei­nes Rü­diger an­fan­gen zu heu­len, dann ge­hen klu­ge Müt­ter erst­mal in die Kü­che und ma­chen ei­nen Ka­kao. Rü­di­gers Ma­ma ist klug, aber lei­der auch frisch ge­schie­den. Von ei­nem Au­gen­arzt, der dank sei­nes An­walts und ei­ni­ger Kon­ten in Län­dern mit zau­ber­haf­ten Na­men we­ni­ger ver­dient als ei­ne Aus­hil­fe an der Wurst­the­ke im Su­per­markt. Ob­wohl er als ei­ner von ei­nem knap­pen Dut­zend eu­ro­pä­ischer Au­gen­ärz­te spe­zia­li­siert ist auf eine neu­ar­tige Ope­ra­tions­tech­nik, mit de­ren Hil­fe die Ab­fluss­be­hin­der­ung des Kam­mer­was­sers, wie sie so ty­pisch ist für das pri­mä­re Glau­kom, kor­ri­giert wer­den kann.
 
Rü­di­ger wird al­so in ei­nem Plat­ten­bau woh­nen müs­sen, was die sta­tis­ti­sche Wahr­schein­lich­keit dra­ma­tisch er­höht, dass er in drei Jah­ren an­fängt zu rau­chen, in vier Jah­ren in dem glei­chen Su­per­markt, in dem die Aus­hil­fe an der Wurst­the­ke mehr ver­dient als sein glau­kom­hei­len­der Ex­va­ter, Turn­schu­he klaut und Sprin­ger Ur­va­ter, mit dem er sich den er­sten, aber ge­wiss nicht letz­ten rich­ti­gen Rausch an­trinkt, in fünf, spä­tes­tens sechs Jah­ren re­gel­mä­ßig Ha­schisch raucht und am Wo­chen­en­de Pil­len schmeißt, eben­falls mit fünf­zehn die er­sten Ra­dios aus Au­tos zieht und ein Jahr spä­ter Ve­re­na sagt, sie solle ge­fäl­ligst ab­trei­ben, die da­rauf­hin ver­sucht, aus dem fünf­ten Stock der Plat­te in die Sorg­lo­sig­keit zu sprin­gen, was ihr Va­ter, ar­beits­los seit sie­ben Jah­ren und fast eben­so lan­ge nur noch in der im­mer glei­chen Trai­nings­ho­se zu se­hen, in letz­ter Mi­nu­te ver­hin­dern kann, wes­wegen er sich Rü­di­ger vor­knöp­fen will, der aber nur kurz ein paar von sei­nen Rus­sen­jungs be­scheid­sagt, die dem Ve­re­na­va­ter mal zei­gen, wo­hin er sich seine Frech­hei­ten stecken kann, wo­rauf­hin meh­re­re Uni­for­mier­te Rü­di­ger und zwei sei­ner zwie­lich­ti­gen Freun­de mit­neh­men und we­gen schwe­rer Kör­per­ver­le­tzung für sechs Wo­chen in Un­ter­su­chungs­haft —
 
An die­ser Stel­le ist der Ka­kao fer­tig, und Rü­di­gers Mut­ter hat ei­nen Ent­schluss ge­fasst: Stadt­aus­wärts am Fluss­ufer, da gibt’s die­se Pacht­grund­stücke, für we­nig Geld, und ei­ni­ge jun­ge Leu­te le­ben da schon in Bau­wa­gen, sol­chen, wie ihr Groß­va­ter im­mer noch ei­nen im Gar­ten ste­hen hat, der ist doch ei­gent­lich noch ganz gut in Schuss; von ei­nem Zir­kus hat­te er den da­mals ge­kauft, dem der Clown we­gen ir­gend­wel­cher krum­men Ge­schäf­te ab­han­den ge­kom­men war, und du­schen, na­ja, das kann man auch im Schwimm­bad.
 

©2004 Max O. Menos. Ver­wen­dung und Zi­tat, auch aus­zugs­wei­se, nur nach aus­drückli­cher und schrift­li­cher Ge­neh­mi­gung des Au­tors.
 
Auch die­ser Text stammt, wie »Die Kon­ku­bi­ne ...«, »La­ven­del­duft« und »Der Nil­hecht«, aus ei­nem ge­mein­sa­men Pro­jekt mit Lau­ra Vic­to­ria Mer­ce­des Pöll. Ei­ne Zeit lang schrie­ben wir fol­gen­der­ma­ßen: Ei­ne/r gibt der/m an­dern ein Wort­paar vor, und die/er an­de­re schafft dar­aus ein­en Text. Emp­feh­lens­wert war es, das Wort­paar schön un­pas­send zu wäh­len; hier zum Bei­spiel gab sie mir »Kam­mer­was­ser« und »Plat­ten­bau« vor.

Der Nilhecht
 
Mein On­kel riecht in letz­ter Zeit im­mer, im­mer­zu nach Irisch Moos. Ich ha­be ihm ge­sagt, dass ihm das nicht steht, aber er ant­wor­te­te nur: »Er­le­ben Sie den na­tür­lich fri­schen Duft von Irisch Moos — männ­lich und sou­ve­rän.« Mein On­kel ist näm­lich Wer­be­tex­ter, und er nimmt sei­nen Be­ruf sehr ernst. Wenn er für Phi­lip Mor­ris tex­tet, dann qualmt er mei­ner ar­men Tan­te die Bu­de voll, dass die al­le drei Ta­ge die Vor­hän­ge in die Wasch­ma­schi­ne wirft. Aber sie murrt nicht, denn sie liebt ihn.
 
Er sie auch, sagt er.
 
Aber dann ver­ste­he ich nicht, wa­rum er sich trotz­dem frei­tags und mitt­wochs (mein On­kel sagt die Wo­chen­ta­ge im­mer in um­ge­kehr­ter Reih­en­fo­lge, »das hält den Kopf wach, Jun­ge«, sagt er) heim­lich zu ei­ner Woh­nung im Osten der Stadt auf­macht. Das weiß ich, weil ich, was er aber nicht weiß, frei­tags, mitt­wochs und mon­tags im Osten der Stadt Gei­gen­un­ter­richt ha­be. Und da se­he ich ihn dann im­mer, ge­gen fünf Uhr am Nach­mit­tag kommt er ge­ra­delt (»das hält den Kopf wach und den Bauch flach, Ju­nge«, sagt er im­mer) oder ge­lau­fen, wenn es reg­net, und dann klin­gelt er bei Num­mer 12, und wenn der Sum­mer summt, dann ist er für ein und ei­ne hal­be Stun­de weg. Ein­mal, da ist mir der Gei­gen­un­ter­richt aus­ge­fal­len, weil mein Leh­rer, der Herr Pie­sen­brinck, er­krankt war, und er hat­te ein­fach ein Schild an die Tür ge­pappt, »Bin krank. Pie­sen­brinck«, und da dach­te ich mir, viel­leicht könn­te ich mal schau­en, was mein On­kel da ei­gent­lich macht. So hab ich mich im Hof­ein­gang gleich ne­ben der Klin­gel­lei­ste ver­steckt, und kaum war ich im Schat­ten ver­bor­gen, da kam auch schon mein Onkel um die Kur­ve ge­schlunzt. Eben hat­te er ge­klin­gelt, da kam aus der Sprech­an­la­ge ei­ne Frau­en­stim­me und gurr­te ble­chern »na bist du das, mein stol­zer Hengst«, und mein On­kel sag­te viel tie­fer, als er sonst ei­gent­lich spricht, »ja mein Won­ne­dös­chen, lass mich rein«, und ich bin zwar noch klein, aber ich weiß, was das be­deu­tet, das hat mir der Har­ry aus der Ach­ten er­klärt. Ich fin­de das ge­mein, denn mei­ner Tan­te wür­de das be­stimmt nicht ge­fal­len, und sie ist im­mer so gut zu ihm. Abends kocht sie ihm im­mer ei­nen Tee aus is­län­di­schem Moos, das macht sei­nen schlim­men Hu­sten bes­ser. Und das is­län­di­sche Moos riecht auch viel schö­ner als das blö­de Irisch Moos, nach Wald und Na­tur. Aber Na­tur liegt mei­nem On­kel so­wie­so nicht so sehr. Ein­mal, da ha­ben wir zu­sam­men fern­ge­se­hen, und da kam ein Be­richt über Nil­hech­te. Nil­hech­te sind af­ri­ka­ni­sche Fi­sche mit ei­nem ganz, ganz lan­gen Maul und ei­nem rie­si­gen Ge­hirn, das ha­ben die im Fern­se­hen er­zählt, und dass sie mit ih­rem Schwanz elek­tri­sche Schlä­ge aus­tei­len kön­nen. Da hat mein On­kel nur ge­sagt, »na, ich glaub, ich bin auch ein Nil­hecht, was, Re­gi­na«, und Re­gi­na, das ist sei­ne Frau, al­so mei­ne Tan­te, die fand das glau­be ich nicht so lu­stig, die hat ganz ver­le­gen ge­guckt.
 
Hof­fent­lich muss mein On­kel bald mal für was an­de­res als Phi­lip Mor­ris und Irisch Moos tex­ten. Eis zum Bei­spiel, das wä­re toll. Oder viel­leicht für Carre­ra-Bah­nen.
 

©2004 Max O. Menos. Ver­wen­dung und Zi­tat, auch aus­zugs­wei­se, nur nach aus­drückli­cher und schrift­li­cher Ge­neh­mi­gung des Au­tors.
 
Auch die­ser Text stammt, wie »Die Kon­ku­bi­ne ...«, »Rü­di­ger ...« und »La­ven­del­duft«, aus ei­nem ge­mein­sa­men Pro­jekt mit Lau­ra Vic­to­ria Mer­ce­des Pöll. Ei­ne Zeit lang schrie­ben wir fol­gen­der­ma­ßen: Ei­ne/r gibt der/m an­dern ein Wort­paar vor, und die/er an­de­re schafft dar­aus ein­en Text. In die­sem Fall al­ler­dings wur­de uns das Wort­paar »is­län­di­sches Moos« und »Nil­hech­te« von wissen.de ge­schenkt, und zwar (so­wohl, als auch!) als Such­er­geb­nis­se beim Stich­wort — Ach­tung! — »möchte«!
Das fan­den wir so pri­ma, dass wir be­schlos­sen, bei­de et­was dar­über zu schrei­ben.

 

Sanft garen
 
»Bit­te nur sanft ga­ren!« steht auf der Packung. »In­halt darf nicht über 70° er­hitzt wer­den.« — »Leich­ter ge­sagt als ge­tan«, hö­re ich mich mur­meln. Ich hö­re mich oft mur­meln in letz­ter Zeit; mut­maß­lich hängt das mit dem Allein­le­ben zu­sam­men. Wenn kei­ner zu mir spricht, muss ich das selbst mit über­neh­men. »Bei die­sem Scheiß­herd kann doch kein Mensch die Tem­pe­ra­tur vor­her­sagen!«
 
Alt ist das Ding, äl­ter als ich wahr­schein­lich, und, mei­ne Her­ren, ich fah­re auch schon bald Se­nio­ren­ta­rif, wenn ich den Ma­ga­zi­nen glau­ben darf. Auf kei­nen Fall soll­te ich ar­beits­los wer­den, denn ei­nen neu­en Job fin­de ich nim­mer­mehr. Aber noch ste­he ich in Lohn und Brot und ha­be ein An­recht auf ei­nen neu­en Herd, wenn der al­te sei­nen Dienst ver­sagt.
 
Ich also raus auf die Stra­ße, der Haus­mei­ster wohnt nur we­ni­ge Ecken ent­fernt und ist um die­se Ta­ges­zeit im­mer zu­hau­se, zwei­tes Früh­stück in Form zwei­er Drit­tel­liter Bier — die in der hand­sa­men Knol­len­fla­sche. So sind sie, die Män­ner vom Bau. Auf­recht, ge­ra­de­aus, zu­min­dest bis ge­gen neun Uhr früh. Ab dann krümmt sich der Rücken un­ter Ho­pfen­last, und der Schritt wird for­schen­der. »Komm heraus, Becker«, brül­le ich vor sei­nem Fen­ster, »und be­sorg mir ei­nen neu­en Herd! Sonst for­de­re ich dich zum Duell!« Aber nichts ge­schieht. Kein Becker, so­weit das Au­ge reicht, ja, ge­nau ge­nom­men: kei­ne Men­schen­see­le.
 
»Selt­sam«, murm­le ich mir selbst ins Ohr, »sehr selt­sam!« Wo sie wohl al­le sein mö­gen, die Lum­pen, Gau­ner, Ver­irr­ten, Durch­rei­sen­den, letz­ten Nacht­schwär­mer und er­sten Knei­pen­gän­ger, die sonst am Vor­mit­tag in mei­nem Vier­tel schwir­ren? Es ist, und erst jetzt fällt mir das end­gül­tig und in sei­ner gan­zen Trag­wei­te auf, ein­fach nie­mand drau­ßen. Nie­mand. In die­ser sonst so be­leb­ten Ecke der Stadt. Die­ser gro­ßen Stadt.
 
Kein Mensch, und schein­bar auch kein Tier, denn nicht nur ist nie­mand zu seh­en, son­dern auch nichts zu hö­ren. Rein gar nichts, Herr­schaf­ten — das habt ihr lan­ge nicht mehr ge­hört!
 
Gar nichts hö­ren wir mo­der­nen Men­schen so gut wie nie. Nicht ein­mal bei Mut­tern auf dem Land lässt es sich der Nach­bars­kö­ter neh­men, den Vö­geln hin­ter­her­zu­pöbeln, und Vö­gel­ge­flöt wäre auch das min­de­ste, was ich jetzt zu hö­ren er­war­ten wür­de. Aber we­der Am­sel, Dros­sel, noch Fink und Star, nicht mal die Hah­nen­kräh­hu­pe vom hu­mor­be­la­ste­ten Flit­zer­be­sit­zer oder we­nig­stens ein Not­horn Rich­tung Kran­ken­haus sind zu hö­ren.
 
Nichts eben.
 
Ab­ge­se­hen vom Klin­geln mei­nes Tin­ni­tus und mei­nen ge­le­gent­li­chen Mur­me­lei­en bin ich ganz of­fen­sicht­lich al­lein auf der Welt.
 

©2005 Max O. Menos. Ver­wen­dung und Zi­tat, auch aus­zugs­wei­se, nur nach aus­drückli­cher und schrift­li­cher Ge­neh­mi­gung des Au­tors.
 
Die­ser Text ist ei­gent­lich der Be­ginn von et­was Grö­ße­rem, das ich aber bis­lang nicht wei­ter ver­folgt ha­be. Die Zeit wird zei­gen, ob es noch da­zu kommt  ...

 

Lavendelduft
 
»Lass’ den bra­chia­len Krach«, ruft Vic­tor Hu­go zu, »du al­ter Ei­sen­bie­ger!« Doch Hu­go blafft nicht, wie manch’ and’­rer es wür­de, rü­de zu­rück, nein! Fein zi­se­liert die Lip­pen kräu­selnd, säu­selt er schon na­he­zu: »Dies hier, mein Be­ster, ist fe­ster Stahl, kein lo­ses Ei­sen. Stahl­seil, um ge­nau zu sein, und ich kann nicht an­ders als da­mit lär­men, denn heu­te abend, wenn die Gä­ste stau­nen sol­len und rau­nen wol­len, muss das To­des­tra­pez so fest ver­an­kert im stau­bi­gen Ge­stein ver­har­ren, dass der Bar­ren mit dem Fräu­lein Yvonne nie­mals und nim­mer sich vom Trag­tra­vers zu lö­sen ver­mag, denn sonst ... sonst gna­de ihr Gott, und mir gleich mit da­zu«
 
»Fein pa­riert, po­lier­ter Freund, dann lärm’ nur tüch­tig wei­ter, von weit her kommen alt und jung, Yvonne bei le­ben­d’­gem Lei­be zu er­le­ben. Ich beug’ mich dir, ver­wei­le nicht hier und geh’ die Lö­wen strie­geln, bis sie Kin­der­lä­cheln spie­geln.«
 
Und nicht Hu­go noch Vic­tor wa­gen es zu sa­gen, wie we­nig va­ge bei­der Nacht­ge­dan­ken um Yvon­nen krei­sen, ih­ren Blick, den lei­sen, ih­ren Spann, den ran­ken, ih­ren Vo­gel­flug dort dro­ben in der Luft, und ih­ren zart be­tö­ren­den La­ven­del­duft.
 

©2004 Max O. Menos. Ver­wen­dung und Zi­tat, auch aus­zugs­wei­se, nur nach aus­drückli­cher und schrift­li­cher Ge­neh­mi­gung des Au­tors.
 
Auch die­ser Text stammt, wie »Die Kon­ku­bi­ne ...«, »Rü­di­ger ...« und »Der Nil­hecht«, aus ei­nem ge­mein­sa­men Pro­jekt mit Lau­ra Vic­to­ria Mer­ce­des Pöll. Ei­ne Zeit lang schrie­ben wir fol­gen­der­ma­ßen: Ei­ne/r gibt der/m an­dern ein Wort­paar vor, und die/er an­de­re schafft dar­aus ein­en Text. Emp­feh­lens­wert war es, das Wort­paar schön un­pas­send zu wäh­len; hier zum Bei­spiel gab sie mir »La­ven­del­duft« und »Stahl­seile« vor.

 

Die Konkubine des Grafen
 
Wie im­mer er­wach­te er erst mit dem Klin­geln des drit­ten Weckers, des größ­ten, mit dem alt­mo­di­schen, rie­si­gen Glocken­paar, das ein auf­ge­reg­ter Me­tall­schle­gel fast schon zum Glü­hen prü­gel­te. Heu­te war es be­son­ders schlimm, nicht das Prü­geln, son­dern das Er­wa­chen, denn ein fürch­ter­li­cher Traum dräng­te sich mit ihm ins gar­di­nen­ge­dämpf­te Mor­gen­licht. Eben noch, in die­sem dü­ste­ren, muf­figen Schloss, hatte ihn der Kam­mer­die­ner des Für­sten der Fin­ster­nis mit si­ni­strem Ki­chern ver­folgt und im­mer wie­der ge­schrien: »Aber du woll­test sie doch, aber du woll­test sie doch ...!«
 
Die Kon­ku­bi­ne des Gra­fen, ja, die hat­te er ge­wollt, schon als er sie das er­ste Mal sah, ge­ra­de­zu be­ses­sen war er ge­we­sen von ihr, die so lü­stern lä­chel­te, und zwar ihn an, das war ein­deu­tig. Viel­deu­tig hin­ge­gen ihr Blick, der ihn zog in ih­ren Sog, bis er, wohl in der drit­ten Nacht unter dem wind­heu­len­den Dach des Gra­fen, ihm nicht län­ger wi­der­ste­hen konn­te und die ewi­gen Flu­re hin­un­ter­schlich, auf der Su­che nach ih­rem Ge­mach, die ihn schein­bar kom­men spür­te, denn als er an ih­rer Tü­re vor­über­kam, knarrte die­se ihm ent­ge­gen, gab nach und nach den Blick frei auf ein rie­si­ges Bett mit sei­de­nem La­ken, auf dem sie sich lü­stern wälz­te und ihm ein­la­dend ent­ge­gen­lockte, der sich ha­stig noch ein­mal all­seits um­sah und dann die schwe­re Pfor­te im Hin­ein­ge­hen zu­zog, schon den hei­ßen Duft ihres Lei­bes wit­ternd, der sich ihm nun ent­ge­gen­bog und als­bald ganz und gar an ihn schmieg­te, glü­hend üp­pig und weich, so weich ...
 
So hart im näch­sten Nu ihr wöl­fi­sches Ge­biss, das gie­rig sei­nen Hals such­te; kein Zwei­fel, die­se Fän­ge woll­ten sich in sei­ne Adern schla­gen, woll­ten ihn aus­sau­fen, ihn zur Nei­ge lee­ren in ei­nem ir­ren Rausch! Er riss sich, be­sin­nungs­los schon bei­nah, los und stol­per­te mehr, als dass er rann­te, durch die trü­be Ke­me­na­te der ret­ten­den Tü­re ent­ge­gen, die kra­chend er auf­brach, da­bei er die mor­sche Mau­er mit ein­riss und im irr­wit­zi­gen, atem­lo­sen Stak­ka­to tau­sen­der Schrit­te das hin­ter ihm erst bröckeln­de, bald bre­chen­de, dann grol­lend pol­tern­de Ge­mäu­er floh, das, ei­nem Erd­rutsch gleich, im Stür­zen den Bo­den zum Be­ben brach­te, hin­ter ihm das aber­wit­zige Ki­chern des hum­peln­den Die­ners und vor ihm das Schril­len des Weckers, der ihn in ei­nen neu­en Tag zu ho­len ver­such­te.
 
Stöh­nend rich­te­te er sich halb auf im Bett, teils noch keu­chend, als renn­te er im­mer noch die Schloss­kor­ri­do­re ent­lang, teils froh, die­sen un­hei­li­gen Traum los zu sein. Aber was war das? Sein Bett schien plötz­lich sich zu be­we­gen, es zit­ter­te wie ein Ast im Wind, und nicht das Bett all­ein, das gan­ze Haus wur­de von kur­zen, schnel­len Stö­ßen ge­schüt­telt, und ein Don­nern kam nä­her und nä­her, die Bü­cher fie­len aus den Re­ga­len, von drau­ßen hör­te er mit fas­sungs­lo­sem Ohr das Split­tern von Me­tall und ein schril­les Krei­schen, die Au­to­hu­pe schrie ein­mal auf und er­starb, und in der Ka­ko­pho­nie des Ber­stens und Bre­chens wurde eine Stim­me im­mer lau­ter, die über­schnap­pend brüll­te: »Aber du woll­test sie doch, aber du woll­test sie doch ...!«
 

©2004 Max O. Menos. Ver­wen­dung und Zi­tat, auch aus­zugs­wei­se, nur nach aus­drückli­cher und schrift­li­cher Ge­neh­mi­gung des Au­tors.
 
Auch die­ser Text stammt, wie »La­ven­del­duft«, »Rü­di­ger ...« und »Der Nil­hecht«, aus ei­nem ge­mein­sa­men Pro­jekt mit Lau­ra Vic­to­ria Mer­ce­des Pöll. Ei­ne Zeit lang schrie­ben wir fol­gen­der­ma­ßen: Ei­ne/r gibt der/m an­dern ein Wort­paar vor, und die/er an­de­re schafft dar­aus ein­en Text. Emp­feh­lens­wert war es, das Wort­paar schön un­pas­send zu wäh­len; hier zum Bei­spiel gab sie mir »Kon­ku­bi­ne« und »Erd­rutsch« vor.

 

Sternenkrieger, Version 1.0
 
Log­buch der »Trig­ger Hap­py«, ge­fun­den von der Such­flot­te der Fö­de­ra­tion am 172. Tag der 45. Zeit­ein­heit:
 
Mon­tag. Wir sind eben an der 74. Ga­la­xie vor­bei­ge­kom­men. San­dal hat sein Hand­tuch im Sub­raum ver­lo­ren. Er ist äußerst schwer­mü­tig, es war wohl ei­ne Er­in­ner­ung an sei­ne Ver­flos­se­ne. Er ist oft so sen­ti­men­tal!
 
Dien­stag. Wa­ran und San­dal sind an der Außen­wand der »Trig­ger Hap­py« da­mit be­schäf­tigt, die Ma­le­rei­en aus­zu­bes­sern. Die Far­ben ha­ben un­ter dem letz­ten Me­teo­ri­ten­schwarm sehr ge­lit­ten. Vor al­lem die Son­nen­blu­men sind kaum noch zu er­ken­nen.
 
Dien­stag, spä­ter. Wir ma­chen uns Sor­gen. Die Außen­bord­ka­me­ras sind sämt­lich aus­ge­fal­len, al­le im sel­ben Mo­ment. Wa­ran und San­dal sind da draußen, aber sie ha­ben den Funk­kon­takt un­ter­bro­chen, und wir kön­nen sie nicht se­hen. Was geht da vor?
 
Dien­stag Nacht. Wa­ran hat sich wie­der ein­ge­schleust, vor et­wa ei­ner Stun­de. Er wirkt im­mer noch sehr ver­wirrt und er­zähl­te, San­dal sei pin­keln am Baum ge­we­sen und nicht zu­rück­ge­kehrt. Wir ha­ben mit al­len Mit­teln ver­sucht, die Wahr­heit her­aus­zu­be­kom­men, aber auch das Se­rum ver­sagt — of­fen­bar ist er teil­for­ma­tiert. Ei­ni­ge Ge­dächt­nis­spu­ren wir­ken wie kom­plett über­schrie­ben.
 
Mitt­woch. Wa­rans Zu­stand un­ver­än­dert, San­dal ist noch nicht zu­rück. Wir be­fürch­ten wohl al­le das Schlimm­ste, aber nie­mand wagt es aus­zu­spre­chen. Wir ha­ben be­schlos­sen, dass ge­gen Mit­tag, wenn Por­ti­kus 34.c sei­nen Ze­nit über un­se­rem Schiff er­reicht, ei­ner von uns ihn su­chen wird.
 
Die Außen­bord­ka­me­ras wa­ren üb­ri­gens ge­stern Nacht eben­so plötz­lich, wie sie sich ab­ge­schal­tet hat­ten, wie­der on­line. Wo­mög­lich ein Mag­net­sturm.
 
Mit­twoch Nach­mit­tag. Astra­li­ka hat sich un­ter streng­sten Si­cher­heits­vor­keh­run­gen aus­ge­schleust. Wir ver­fol­gen ih­ren Be­richt, um das Funk­ge­rät ge­schart wie un­se­re Ah­nen in der Vor­zeit bei Sport­ver­an­stal­tun­gen um das so­ge­nann­te »Ra­dio«.
 
Sie hat die Auf­la­ge, al­le fünf Mi­nu­ten ei­nen Funk­spruch ab­zu­las­sen. Der näch­ste soll­te in we­ni­gen Se­kun­den kom­men.
 
»Tut mir leid, Jungs, ich muss mal. Ich ge­he ein­fach eben da drü­ben an den Baum, habt Ver­ständ­nis, dass ich den Funk so lan­ge de­ak­ti­vie­re.«
 
Ver­flucht — schon wieder ein Mag­net­sturm? Die Ka­me­ras sind er­neut tot ... Aus der Kran­ken­sta­tion kom­men selt­sa­me Ge­räu­sche. Wa­ran liegt noch zur Be­ob­ach­tung dort. Er scheint et­was zu ru­fen, aber das ist nicht seine Stim­me ... Es klingt eher wie ein Gur­geln, wie das Blub­bern der heißen Quel­len auf Ima­gis 12.a ... Ir­gend­et­was schlägt ge­gen die Tür ...
 
An die­ser Stel­le bre­chen die Auf­zeich­nun­gen ab. Trotz drei­mo­na­ti­ger Su­che konn­ten die Teams kei­ne wei­te­ren Über­re­ste der »Trig­ger Hap­py« aus­fin­dig ma­chen. Der Vor­gang wur­de mit der Ver­trau­lich­keits­stu­fe III ins Ar­chiv über­stellt.
 

©2006 Max O. Menos. Ver­wen­dung und Zi­tat, auch aus­zugs­wei­se, nur nach aus­drückli­cher und schrift­li­cher Ge­neh­mi­gung des Au­tors.
 
Ich weiß nicht mehr, was der An­lass für die Ster­nen­krie­ger war. Und wa­rum es zwei so un­ter­schied­li­che Ver­sio­nen gibt. Viel­leicht fällt es mir noch wie­der ein.

 

Sternenkrieger, Version 2.0
 
s. ist 1 ganz ge­wöhn­li­cher sonn­tag, wie s. schon un­zäh­li­ge vor ihm gab. das auf­ste­hen ver­zö­gert sich mit je­dem um­dre­hen ei­ne ¼­stun­de mehr, je­der blick aus dem fen­ster ins grau tut das sei­ne da­zu. schließ­lich: doch hoch, r. kann ja nicht den gan­zen tag im bett ver­brin­gen. das heißt: könn­te r. wohl, mag r. aber nicht. also steht r. ge­duscht vor dem be­schla­ge­nen spie­gel, und da fällt s. ihm wie­der ein: was r. fühlt. die­ses leuch­ten, die­ses glü­hen, die­ses bren­nen. die­ses mag­ma der lie­be in ihm. g. hin­aus, sagt r. sich, ru­fe s. auf die straße hin, mit­ten zwi­schen die tüm­meln­den: »ich grei­fe nach den ster­nen!« rufe, »tut s. mir nach!« rufe wei­ter, »und ihr wer­det se­hen, wie leicht s. ist frei zu sein!«
 
»wir al­le sind ster­nen­krie­ger, wir müs­sen nur un­se­re waf­fe pfle­gen, die ist die lie­be, dann wer­den die ge­stir­ne uns den weg wei­sen!« rufe, »hin­aus aus den fähr­nis­sen der angst, den ab­grün­den der an­pas­sung, den bück­lin­gen der be­flis­sent­lich­keit. das ist s., das die lie­be uns lehrt und wo­bei sie die hand uns führt: von frei­heit nicht zu le­sen, son­dern sie zu le­ben! ob beim pin­keln am baum oder beim ge­bet, ob im su­per­markt oder auf dem gip­fel des hi­ma­la­ya, ob beim pro­fan­sten oder höch­sten — im­mer seid be­reit zu käm­pfen um das licht der ster­ne in euch, nie lasst nach im streit ge­gen die an­pas­sung, die ver­zagt­heit und die wut ge­gen euch selbst, die ist nur ein mah­nen eu­rer see­le, ihr recht und im­mer zu lau­schen!«
 
so hört r. sich schon ru­fen dort un­ten auf der straße, zwi­schen all den men­schen mit ge­bü­gel­ten hem­den und ge­wie­ner­ten schu­hen, sieht sich mit großem arm ih­re schar um­fassen — und denkt als­bald doch: »och!« und wackelt statt dem nur ei­ne wei­le mit dem großen c.
 

©2006 Max O. Menos. Ver­wen­dung und Zi­tat, auch aus­zugs­wei­se, nur nach aus­drückli­cher und schrift­li­cher Ge­neh­mi­gung des Au­tors.
 
Ich weiß nicht mehr, was der An­lass für die Ster­nen­krie­ger war. Und wa­rum es zwei so un­ter­schied­li­che Ver­sio­nen gibt. Viel­leicht fällt es mir noch wie­der ein.

 

Winter auf K27LG
 
Eine Sternenreise
 
An­mer­kung:  Da es sich um ein fort­lau­fen­des Ta­ge­buch han­delt, fin­den sich die jüng­sten Ein­trä­ge zu­o­berst. Der er­ste Ein­trag steht also ganz am En­de.
 
Dank an: Ur­su­la K. Le­Guin — vor al­lem für »Win­ter­pla­net« (»The Left Hand of Dark­ness«, → im ZVAB su­chen)
 
I — Im freien Fall
 

6. Januar 2029 @ τ=11:55

Pro­fes­sor Xav-1-ρ ist ver­schwun­den. Er hat­te sich zu ei­ner kur­zen Ru­he­pau­se in sei­ne Ka­bi­ne zu­rück­ge­zo­gen, und als Ya­mu­na ihn bei der Ent­schlüs­sel­ung brau­chte, ant­wor­te­te er nicht auf ihr Klop­fen. Schließ­lich dran­gen sie und der Si­cher­heits­be­auf­trag­te Cøn-Æn in den Raum ein, der von in­nen ver­schlos­sen war — kei­ne Spur von Xav-1-ρ.
 
Das ist, ra­tio­nal be­trach­tet, na­tür­lich völ­lig un­mög­lich.
 
Soll­ten wir es hier mit ei­ner Form von Te­le­por­ta­tion zu tun ha­ben? Soll­te das ro­te Ob­jekt, dem wir uns lang­sam, aber si­cher nä­hern, von ei­ner uns un­be­kann­ten In­tel­li­genz ge­steu­ert wer­den? Das Sig­nal bleibt un­ver­ständ­lich, aber es weist zu­sam­men mit dem ver­mu­te­ten Trä­ger­strahl auf die An­we­sen­heit von et­was hin, das mit uns Kon­takt auf­zu­neh­men wünscht.
 
Ich muss ge­ste­hen, mir ist et­was mul­mig zu­mute. Und auch die an­de­ren wir­ken be­un­ruhigt. Bis auf Kar­réon na­tür­lich. Sie ist so ge­las­sen und un­durch­schau­bar wie eh und je.

6. Januar 2029 @ τ=11:38

Nie­mand von uns hat­te noch ernst­li­che Zwei­fel, aber jetzt ist es ab­so­lut ein­deu­tig: Wir wer­den von ei­nem Trä­ger­strahl ge­steu­ert. Un­sere Flug­ge­schwin­dig­keit hat dra­ma­tisch ab­ge­nom­men. Dies wird ver­mut­lich be­deu­ten, dass wir uns tat­säch­lich dem ro­ten Was-es-auch-sein-mag nä­hern. Lei­der geht die Re­pa­ra­tur der Außen­ka­me­ras nicht vor­an, wir be­fin­den uns al­so im­mer noch in einer Art »Blind­flug«. Ein sehr be­un­ruhi­gen­des Ge­fühl.

6. Januar 2029 @ τ=07:55

(Graphik: Die unverständlichen Symbole) Die Ent­schlüs­sel­ung des rät­sel­haf­ten Sig­nals, das wir seit gevstern fast durch­ge­hend emp­fan­gen, geht nicht recht vor­an. Ya­mu­na und Yu-Len ha­ben den Gra­fic­tio­ner ein­ge­setzt und ein sich wie­der­ho­len­des Mu­ster von nur drei Sym­bo­len aus­ge­ge­ben be­kom­men. Sie ha­ben Ähn­lich­keit mit Zei­chen, die wir aus ei­nem an­de­ren Le­ben, frü­her auf der Er­de, va­ge er­in­nern. Aber selbst Yu-Len kann ih­nen hier kei­nen Sinn zu­ord­nen. Es wird alles immer verworrener!
 
Auch die Außen­ka­me­ras funk­tio­nie­ren wei­ter­hin nicht. Aber un­se­re Be­we­gung bleibt kon­stant; wenn wir uns tat­säch­lich auf die­ses rote Ob­jekt zu­be­we­gen, muss es ent­we­der größer sein als al­les, was Men­schen bis­her ge­se­hen oder ge­mes­sen ha­ben — oder der Zeit­punkt der Kol­li­sion ist na­he. Mit wel­chen Fol­gen auch im­mer.

6. Januar 2029 @ τ=07:20

(Graphik: Das rätselhafte Objekt) Wir nä­hern uns ei­nem ganz un­er­hör­ten Ob­jekt! Es muss riesig sein, ei­ne Son­ne oder zu­min­dest ein ge­wal­ti­ger Pla­net, viel­leicht aber auch ein Ener­gie­ne­bel. Für Letz­te­res spricht, dass es ei­ne außer­ge­wöhn­li­che Form hat, flach mit ei­ner Kup­pel, wie un­se­re Vor­fah­ren sich die »flie­gen­den Un­ter­tas­sen« in den Le­gen­den frü­he­rer Ta­ge vor­ge­stellt ha­ben.
 
Ich ha­be es ge­schafft, ein Pho­to da­von zu ma­chen, be­vor un­se­re Außen­ka­me­ras oh­ne er­kenn­ba­re Ur­sa­che ih­re Funk­tion ein­ge­stellt ha­ben. Ra­deep und Xav-1-ρ sind im Com­pu­ter­raum und ver­su­chen, die Sicht wie­der­her­zu­stel­len. Wir an­de­ren rät­seln über dem Bild, was uns da er­war­tet ...

6. Januar 2029 @ τ=03:07

Es scheint, dass mei­ne schlimm­ste Be­fürch­tung glück­li­cher­wei­se nicht wahr wird: Es han­delt sich ver­mut­lich nicht um ein gi­gan­ti­sches Gra­vi­ta­tions­feld, das uns an­zieht. Un­se­re Fall­ge­schwin­dig­keit hat er­heb­lich ab­ge­nom­men. Oh­ne dass wir es jetzt schon be­stä­ti­gen könn­ten, ver­mu­ten wir über­ein­stim­mend, dass uns ein Trä­ger­strahl er­fasst hat, der uns — von ei­nem uns un­be­kann­ten Wil­len ge­steu­ert — zu ei­nem uns eben­falls un­be­kann­ten Ziel lenkt.
 
Wir ha­ben Wa­chen ein­ge­teilt und schla­fen ab­wech­selnd in Drei­vier­tel­stun­den-Ein­hei­ten.
 
Ein selt­sa­mes Ge­fühl, je­man­dem — et­was! — der­art aus­ge­lie­fert zu sein. Er­staun­li­cher­wei­se aber we­ni­ger be­un­ruhi­gend, als es zu er­war­ten wäre. Wir kom­men uns vor wie un­ter Be­ruhi­gungs­mit­tel ge­setzt, wenn­gleich nicht se­diert, son­dern men­tal äußerst wach und kon­zen­triert.
 
Wä­re ich gläu­big, wür­de ich eben­so be­ten, wie es un­ser Chef­in­ge­nieur Ra­deep schon die gan­ze Zeit tut.

5. Januar 2029 @ τ=23:13

Die Ent­schei­dung wird uns ab­ge­nom­men — wir wer­den von ein­em un­fass­bar star­ken Kraft­feld aus un­se­rer Bahn ge­zo­gen! Wir ha­ben sämt­li­che Kon­troll­mög­lich­kei­ten ver­lo­ren; ich habe An­wei­sung ge­ge­ben, al­le Steu­er­ungs­trieb­wer­ke ab­zu­schal­ten. Wenn die La­ge auch nur an­näh­ernd so pro­ble­ma­tisch ist, wie ich be­fürch­te, dann wer­den wir sämt­li­che Ener­gie­re­ser­ven be­nö­ti­gen.

5. Januar 2029 @ τ=20:41

Ei­ne schwe­re Ent­schei­dung: Es scheint sich um ein in­tel­li­gen­tes Sig­nal zu han­deln. Da un­se­re Ge­schwin­dig­keit aber nach wie vor ex­trem hoch ist, ver­lie­ren wir die Or­tung im Lau­fe der näch­sten Stun­de. Wir müss­ten al­so stark ab­brem­sen, kön­nen al­ler­dings nicht be­lie­big oft wie­der be­schleu­ni­gen, da die Ener­gie­vor­rä­te durch die ho­he An­fangs­la­dung am Te­le­por­ter mas­siv be­la­stet wer­den. Was tun?

5. Januar 2029 @ τ=18:35

Ya­mu­na, un­se­re Kom­mu­ni­ka­to­rin, hat ein schwa­ches Sig­nal aus dem lee­ren Raum empfangen ... — nun, nur schein­bar leer, wie es sich jetzt dar­stellt. Zu­sam­men mit Yu-Len, dem Syn­tak­ti­ker, und Pro­fes­sor Xav-1-ρ ver­sucht sie der­zeit, die Nach­richt zu ent­schlüs­seln. In­ner­halb so un­glaub­lich kur­zer Zeit ein Erst­kon­takt, das grenzt an ein Wun­der.

4. Januar 2029 @ τ=12:48

Das En­de der uns bis­her be­kann­ten Welt! Vor ei­ni­gen Mi­nu­ten ha­ben wir Ξαμαδος hin­ter uns ge­las­sen, den letz­ten in der in­ter­stel­la­ren Da­ten­bank er­fass­ten Aste­roi­den­ne­bel. Jetzt be­ginnt das wah­re Aben­teu­er!

2. Januar 2029 @ τ=09:30

Wir sind of­fen­bar noch schnel­ler als er­war­tet. Vor­hin ha­ben wir die Kon­stel­la­tion ΨΦ47 pas­siert. In we­ni­gen Ta­gen er­rei­chen wir voll­kom­men un­be­kann­tes Ge­biet.

1. Januar 2029 @ τ=00:33

Es hat funk­tio­niert! Wir ra­sen der­ar­tig schnell, dass kei­ne Ein­zel­hei­ten un­se­rer Um­ge­bung mehr wahr­nehm­bar sind. Nicht ein­mal die ganz, ganz ent­fern­ten Sonnen ... Ich wer­de jetzt ver­su­chen, ein we­nig zu schla­fen.

31. Dezember 2028 @ τ=20:10

So, in ein paar Stun­den ist es so weit. Um Mit­ter­nacht steigt die La­dung am Te­le­por­ter für ei­ni­ge Mi­nu­ten au­to­ma­ti­siert auf 500%, und da­mit be­schleu­ni­gen wir um mehr als das Drei­fa­che. Das dürf­te uns an den Rand der Ga­la­xie schleu­dern. Ich bin ge­spannt, was dort im näch­sten Jahr auf uns war­tet.